Die AnwohnerInneninitiative Adam-Kuckhoff-Straße ehrt ihren Namenspatron

Am 15.12.2017 haben wir an sieben von elf Straßenecken in der Adam-Kuckhoff-Straße Zusatzschilder unter den Straßenschildern installieren lassen. Sie tragen die Aufschrift: „Adam Kuckhoff (1887-1943) Schriftsteller, Schauspieler, Dramaturg, Student in Halle, Antifaschist, hingerichtet in Berlin-Plötzensee“.

Die Idee, Zusatzschilder anzubringen, entstand im Herbst 2017 in der AnwohnerInneninitiative Adam-Kuckhoff-Straße. Mitglieder recherchierten zur Person, stellten Material zusammen und schrieben ein biographisches Dossier. Das Dossier bildete auch die Grundlage für die Anmeldung des Schildes bei der Bürgerstiftung Halle. Innerhalb weniger Wochen kamen Spenden von AnwohnerInnen und Corax e.V. – Initiative für freies Radio zusammen, die die Herstellung der Zusatzschilder ermöglichten.

Im Rahmen des Projektes „Bildung im Vorübergehen“ der Bürgerstiftung Halle werden monatlich in jeweils einer Straße Zusatzschilder angebracht, durch die auf das Leben und Wirken der geehrten Personen hingewiesen wird.. Die Finanzierung der Schilder erfolgt i. d. R. durch Einzelpersonen, Gruppen, Firmen oder Institutionen aus Halle, aber auch durch Nachfahren aus aller Welt. Ziel der Bürgerstiftung ist es u.a., dass die Bürger sich mehr mit ihrer Stadt verbunden fühlen, wenn sie die Namensgeber der von ihnen frequentierten Straßen etwas näher kennenlernen.

Adam Kuckhoff, 1887 in Aachen geboren, studierte von 1909 bis 1911 in Halle (Saale). Er wohnte im 2. Stock des Hauses Sophienstraße 10, der heutigen Adam-Kuckhoff-Straße 31. Kuckhoff schloss sich der Hallischen freien Studentenschaft an und leitete die Abteilung für Literatur und Kunst, die in dieser Zeit aktiv im Leben der Stadt hervortrat.

Die Umbenennung der Sophienstraße in Adam-Kuckhoff-Straße erfolgte 1963 als Würdigung durch die Stadt Halle. Weitere Informationen zum Wirken, zum Leben und zur Persönlichkeit von Adam-Kuckhoff befinden sich im o.g. Dossier und in der Rede der AnwohnerInneninitiative.

Zur Einweihung erstellten wir gemeinsam mit der Bürgerstiftung ein Programm. Den Anfang bildeten drei junge Blechbläser von der Latina bzw. vom Konservatorium Halle mit festlicher Barockmusik.

Anschließend begrüßte Frau Häussler für die Bürgerstiftung alle Anwesenden, es waren rund 90 Menschen, wobei sie uns auch mitteilte, dass Adam Kuckhoff in dem Haus wohnte, in dem wenige Jahre später die Bäckerei Neubauer gegründet wurde. Nach dem obligatorischen Fototermin für die Sponsoren bot ein Mitglied der AnwohnerInneninitiative eine Eigenkomposition dar. Er sang zur Gitarre: „Wir kennen die Welt nur aus Bildern und Geschichten“ und „Es gibt keine Lügen, weil wir ihnen glauben und dabei den Blickkontakt verlieren“ und spielte damit auf die auch aus unserer Nachbarschaft geposteten fake news und deren Fans im Netz an.

Ein weiterer Höhepunkt waren die Rede von Frau Döring von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten e.V. (VVN-BdA) und die Nachricht von Hans Coppi, welche sie überbrachte: „Es ist eine großartige Idee, dass Straßenschilder zusätzliche Informationen über ihre Namensgeber erhalten, und dass diese Idee im konkreten Fall von einer AnwohnerInneninitiative ausgeht, die damit ein sicht- und hörbares Zeichen für Solidarität und Menschenwürde, gegen Rassismus und völkischen Nationalismus setzt…“
- Die Eltern von Hans Coppi gehörten wie Adam Kuckhoff zum Berliner Kreis, der von der Gestapo als „Rote Kapelle“ bezeichneten Widerstandsgruppe. Er selbst kam im Berliner Frauengefängnis Barnimstraße zur Welt, seine Mutter wurde ein halbes Jahr nach seiner Geburt hingerichtet. Er wuchs bei seinen Großeltern auf. Frau Dr. Greta Kuckhoff war nach 1945 sein Vormund. Nach eigenen Worten hat er miterlebt, „wie schwer Greta Kuckhoff, die dritte Frau Adam Kuckhoffs, am Tod ihres Mannes trug“. – Greta Kuckhoff war Gründungsmitglied der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), welche von den Überlebenden der KZ gegründet wurde.
Zeitlebens setzte sie sich dafür ein, dass die Verantwortlichen für die Verhaftung und den Tod von 60 Mitgliedern des Berliner Kreises zur Rechenschaft gezogen werden und die Mitglieder des Berliner Kreises rehabilitiert wurden. Der VNN hat dieses Anliegen auch nach ihrem Tod weiter verfolgt.

Die sogenannte „Rote Kapelle“ wurde in der Bundesrepublik Deutschland weitgehend als reine Geheimdienst-Organisation dargestellt und die Todesurteile mit angeblichen „Landesverrat“ gerechtfertigt. Sie wird erst seit 1990 als legitimer Teil der Opposition zum Nationalsozialismus wahrgenommen. Am 8. September 2009 hob der Deutsche Bundestag die wegen „Kriegsverrats“ gefällten Urteile der NS-Justiz auf und rehabilitierte damit auch die Mitglieder der großen und wichtigen Berliner Widerstandsgruppe. Laut VNN hat das Berliner Netzwerk von widerständigen Frauen und Männern nicht nur Informationen über den Verbrecherstaat weitergegeben, sondern – und das maßgeblich auch Adam Kuckhoff – Aufrufe, Appelle und Analysen konspirativ bis an die Ostfront und in die Betriebe geleitet.

Eine der spektakulärsten Initiativen galt der von Goebbels Dienststelle organisierten Ausstellung „Das Sowjetparadies“. In einer Nacht wurden die Mauern von Berlin mit Plakaten bedeckt, die provokant fragten: „Naziparadies – Krieg, Hunger, Lüge, Gestapo. Wie lange noch?“ (Link)
- In der DDR wurde der Name „Rote Kapelle“ kommentarlos und ohne Anführungsstriche übernommen und mit einer Erinnerungserzählung verbunden, die diese Widerstandsgruppe auf einen kommunistischen Widerstand reduzierte. Hans Coppi ließ uns informieren, dass es bis 1989 an der MLU den Adam-Kuckhoff-Preis für herausragende wissenschaftliche Leistungen gab. Und fragt, ob dieser nach dem Ende der DDR verlorengegangen sei.
Coppi stellt fest: „Die wichtigsten Fragen dieser Welt und unserer Erde können nur global und sozial und nicht aus einer nationalistischen und ethnischen Perspektive gelöst werden,wie sie aus den Reihen der AFD und der Identitären verbreitet werden. Dieser gefährlichen Entwicklung in vielfältigen Formen zu widerstehen , ist unsere Verantwortung.“
Eine Anwohnerin trug stellvertretend für uns als Initiative unser Anliegen vor und brachte den ZuhörerInnen den Menschen Adam Kuckhoff nahe.
In unserer Rede wurde die Brisanz seiner Widerstandstätigkeit gegen Hitler und sein standhaftes „Nein“ hervorgehoben. Als er wegen Hochverrats und Feindbegünstigung zum Tode verurteilt wurde, wurde ihm eine Begnadigung angeboten unter der Bedingung, dass er einen verherrlichenden Film über Hitler drehte. Kuckhoffs Antwort lautete: „Und hätte ich zwei Köpfe, ich legte sie lieber beide auf den Richtblock“. Er wurde am 5.8.1943 in Plötzensee am Galgen hingerichtet.

Unsere Rede schloss: „Adam Kuckoff bleibt uns als ein Mensch in Erinnerung, der bereit war, für seine Überzeugungen als Humanist mit seinem Leben einzustehen. Er hatte den Mut, entschlossen ‚Nein‘ zu sagen, zu einer Zeit, als in Deutschland alles andere als ein ‚Ja‘ lebensgefährlich war. Sein Schicksal sei uns ein Beispiel dafür, was passieren kann, wenn nationalsozialistische und demokratiefeindliche Kräfte das erreichen, was sie heute verharmlosend einen ‚Systemwechsel‘,nennen. Wer die Schrecken der Vergangenheit vergisst, den könnten sie eines Tages einholen.“

Zum Abschluss erklang passend zu dem Anlass, welcher Fingerspitzengefühl erforderte, ein feinsinnig-virtuoses Medley aus Werken von Gershwin – kaum zu glauben, wie zart Trompete, Horn und Posaune klingen können.

Nach dem offiziellen Teil waren die Gäste noch eingeladen, bei Tee, Kaffee und Plätzchen an der Ecke Adam-Kuckhoff-Straße / Franz-Andres-Straße zu verweilen. Am späteren Nachmittag machten wir uns gemeinsam auf zu einem kleinen Spaziergang zum Schmücken der Straßenschilder mit weißen Rosen und Bildern von Adam Kuckhoff.

Wir bedanken uns an dieser Stelle noch einmal bei der Bürgerstiftung als Veranstalterin und bei allen, die an der feierlichen Schildereinweihung mitgewirkt haben.





Stolpern über die Geschichte in unserem Viertel

Die Idee der Stolpersteine ist nicht neu. Sie sollen erinnern, was vor mehr als 70 Jahren hier in Deutschland geschah. Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma wurden am 9. November 1938 – der Reichspogromnacht – durch die Straßen gejagt, ihre Geschäfte zerstört, ihre Wohnungen geplündert. Sie selbst wurden deportiert in die Vernichtungslager der Nazis. Aus den Geschichtsbüchern sind diese grausamen Zeiten bekannt. Geschichte besteht aber auch aus ganz persönlichen Geschichten. Und so zogen einige Menschen aus unserer AnwohnerInneninitiative am Morgen des 9. November 2017 los, um eben die Stolpersteine in unserem Viertel zu putzen. Sie sollten wieder sichtbar werden, sie sollten Anlass sein, über das nachzudenken, was damals geschah. In der August-Bebel-Straße lebte Rosalie Levi mit ihrer Tochter Leonie. Cäsar und Adele Salomon wohnten am Harz 18, Wilhelm Siegmund Lewin in der August-Bebel-Straße. Sie alle wurden in der Pogromnacht Opfer des Nazi-Terrors. In der Neumarktstraße lebte Rosita Kessler, damals gerade mal 6 Monate alt, mit ihren Eltern. Sieben Stolpersteine erinnern vor dem Haus an die Geschichte zweier Familien. Versteckt unter dem Sperrmüll des Hauses wären sie um ein Haar ein 2. Mal verloren gewesen. Diese Vorstellung war für uns ein trauriger Gedanke. Ein zweiter Versuch brachte sie dann ans Tageslicht. Und wir waren irgendwie froh, sie doch noch entdeckt zu haben. Uns alle hat vor allem diese kleine Geschichte gerührt. Es ist und bleibt unbegreiflich, zu welcher Brutalität und Kälte Menschen fähig waren. Was bleibt? Achtsamkeit, dass sich so etwas nicht wiederholen darf. Wehret den Anfängen. Genau darum gibt es uns.

Stolperstein Lewin

Offener Brief

An die BewohnerInnen und MieterInnen des Hauses Adam-Kuckhoff-Straße 16

Im Juli 2017 fanden wir in unseren Briefkästen ein Schreiben von Ihnen, in dem Sie die Anwohnerinnen und Anwohner über Ihre Ideen informieren. Sie wünschen sich eine gute Nachbarschaft und beabsichtigen, zu einem Gedankenaustausch einzuladen. Denn Ihrer Meinung nach gäbe es Tabus in Bezug auf die ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürger in unserer Stadt, die Sie durchbrechen wollen.
Wir wünschen ausdrücklich keine Nachbarschaft mit Ihnen.
Wer andere Menschen ausgrenzt, bedroht und in Lebensgefahr bringt – hier und anderswo, kann nicht für sich eine gute Nachbarschaft beanspruchen. Wer die Meinung vertritt und wissenschaftlich zu begründen versucht, Menschen sollen grundsätzlich nur dort wohnen, wo sie geboren wurden bzw. von wo sie abstammen, kann nicht glaubwürdig für einen menschenfreundlichen Umgang mit allen Einwohnerinnen und Einwohnern unserer Stadt eintreten. Sie denken und reden von „deinem Land“, wir denken und reden von „einer Welt“. Entgegen Ihren Beteuerungen, für die „soziale Existenz“ der Menschen eintreten zu wollen, meinen Sie nur das Wohl bestimmter Teile der deutschen Bevölkerung. Sie schüren Ängste in Bezug auf Menschen, die durch Krieg, Gewalt, Terror und Zerstörung ihre Lebensgrundlage, Bekannte und Freunde verloren haben und um ihr Leben fürchteten und noch immer fürchten müssen. Sie spalten die Gesellschaft in Zugereiste und Einheimische, in „Fremde“ und „Deutschstämmige“. Dabei müssten Sie genau wissen, nicht nur aus unserer eigenen unheilvollen Geschichte, dass Frieden und Sicherheit nur dort eine Chance haben, wo Menschen unterschiedlicher Herkünfte, Weltanschauungen, Kulturen und Religionen miteinander zu leben versuchen.
Der Respekt vor der Würde jedes Menschen, egal wo jemand herkommt, warum er hier ist, welche Überzeugung er hat, ist die Grundlage für Wohlstand und Frieden hier und überall in der Welt.
Wir wollen, dass Halle an der Saale eine Heimat für die hier Geborenen und die Zugezogenen ist, für die, die hier leben und erst recht eine sichere Heimstätte wird für die, die vor Krieg und Verfolgung fliehen.

Wir freuen uns über das Engagement für Mitmenschlichkeit und Weltoffenheit in unserer Stadt und anderswo. Und deswegen sagen wir unmissverständlich, dass Ihre Ideen und Aktivitäten im Haus und im Viertel nicht willkommen sind.
Dies werden wir mit Ausdauer und Überzeugung deutlich machen.

Im Namen der Anwohnerinnen und Anwohner aus:
der Emil-Abderhalden-Straße,
der Puschkinstraße,
dem Weidenplan,
der Adam-Kuckhoff-Straße,
der Heinrich-und-Thomas-Mann-Straße,
der Gütchenstraße,
der Franz-Andres-Straße,
der Martha-Brautzsch-Straße,
der August-Bebel-Straße,
der Marthastraße,
der Zinksgartenstraße,
der Ludwig-Wucherer-Straße,
der Großen Steinstraße.

Sowie namentlich:
Stephan Schirrmeister
Kristin Brockauf-Knothe
Sieglinde Kamuf
Siegfried Kamuf
Annegret Frauenlob
Maréen, Ewa, Lilo, Fanny, René
Christine Heyroth
Jochen Heyroth
Angela Bartz
Friederike Lattorff
Henriette Lattorff
Christian Wenzel
Paul Lattorff
Linda Lattorff
Friedemann Fanenbruck
Paula Brockhaus
Holger Schulze
David Brümmer
Birke Bull-Bischoff
Norbert Bischoff
Verena und Jo, Marthastraße
Marion und Daniel
Rita Lass
Paulina Brunner
Friedrich Lux
Lucas Leybold
Torsten Illner
Helmut Stabe
Ulrike Jänichen
André Scherer
Diana Pohl
Arno Siegmund
Karoline Siegmund
Almut, Adam-Kuckhoff-Straße
Paul, Adam-Kuckhoff-Straße
André Kestel und Django
Isis und Felix, Adam-Kuckhoff-Straße
Norman Kasper
Ulrike Kasper
Simone Henninger
Arne Moritz
Stephan Eisenmann
Christina Eisenmann
Imke Janßen
Nils Janßen
Juliane Köber
Christoph und Elli, Gütchenstraße
Franz und Anne, Gütchenstraße
Aaron, David, Lou, Simon, Ludwig-Wucherer-Straße
Thorsten, Adam-Kuckhoff-Straße
André, August-Bebel-Straße
Reinhard Carstens
Brigitte Carstens
Georg Giersch
Renate Giersch
Dorothee Fuchs
Friederike von Hellermann
René Langner
Sibylle Mittag
Matthias Behne
Tobias Jacob
Christiane Gille
Karin Kölling
Christa Fieber
Gisela Herden
Erika Scholze
Ursula Niebert
Michael Antons
Alexander Mohr
Falk Schmiedeknecht
Caroline Böhm
Nicole Müller
Grit Weigmann
Wolfdietrich Wagner
Stefanie Sachsenröder
Maik Sachsenröder
Heiko, Grosse Steinstraße
Alexander Podhaisky
Lucia Tanneberger
Ines Heinrich-Frank
Lars Frank
Andreas Amelang
Dagmar Bringezu
Stefan Bringezu
Norman, Adam-Kuckhoff-Straße
Petra Reichenbach
Bettina Fischr
Matthias Fischer
6 AnwohnerInnen, Große Steinstraße 56
Anne Knödler
Damaris Lohrengel
Joel Lohrengel
Prof. Wolfgang Marquart
Peter Burkhardt
Mariam, Adam-Kuckhoff-Straße
Miriam Böhl
Michael Böhl
Christiane Starke
Maria, Gütchenstraße
WG, Puschkinstraße 28
Dr. Johann Schneider
Christiane Thiel, Hochschul- und Studierendenpfarrerin der ESG
Prof. Dr. Ernst-Joachim Waschke, Puschkinstraße
Heike Witzel, Evangelische Erwachsenenbildung Sachsen-Anhalt, Regionalstelle Halle-Wittenberg
Familie Makosch / Hanke, Martha-Brautasch-Straße
Ruben Mudrick

Gewerbe/Institutionen:
Copyshop, Angela Hannemann
Ernst-Christoph Römer, Vorstandsvorsitzender der Ev. Stadtmission Halle e.V.
Dr. Wolfgang Hartmann, Heimbeiratsvorsitzender der Stiftung Marthahaus
Corax e.V. – Initiative für freies Radio
Bewohner des Schlesischen Konvikts
Antje Jacobi und Raimund Müller, Buchhandlung Jacobi & Müller

Halle (Saale), im Oktober 2017



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